Gutmenschen

Ein guter Mensch zu sein, finde ich durchaus erstrebenswert. Doch wann ist man ein guter Mensch? Wenn man aufrichtig ist? Hilfsbereit, gesetzestreu, vorurteilsfrei, moralisch, gläubig? Wenn man ökologisch bewusst lebt, politisch aktiv ist, spendet und/oder ehrenamtlich arbeitet? Zählen die kleinen Dinge im Alltag oder müssen es die ganz großen Themen sein? Und: Muss ich darüber sprechen?
Tu Gutes und sprich darüber – das kennt man. Das ist auch nicht verwerflich. Wer Gutes tut, dies kundtut und andere mitreißt, kann sicherlich Gutes bewirken. Manchmal wäre es aber wünschenswert, einfach in seinem Alltag seine Überzeugungen zu leben und … die Klappe zu halten! Mich beeindrucken Menschen, die richtig handeln und dies ganz nebenbei tun. Solche, die aus ihrer Überzeugung heraus tätig werden, oftmals auch im Kleinen und vielleicht sogar Verborgenen. Für die es selbstverständlich ist, zu helfen, Menschen zu achten, an die Umwelt zu denken, aktiv zu sein …
Nur ganz schwer zu ertragen finde ich hingegen die Gutmenschen. Jene Menschen, die moralisch ach so unangreifbar sind, gleich der Menschheit dienen und nicht zuletzt dies derartig hinausposaunen, dass sich alle anderen schämen sollten. Themen, die bewegen gibt es ja zuhauf. Doch gibt es auch, wie ich in letzter Zeit verstärkt finde, jede Menge Gutmenschen, die sich berufen fühlen, alles zu wissen, alles richtig zu machen und dies auch reichlich kundtun. Ich will gar nicht sagen, dass man sich keine Gedanken machen soll, dass man Ungerechtigkeiten ignorieren soll, dass man Missstände nicht aufzeigt …
Was mich nervt sind diese „Aufreger-Apostel“, die so absolut sind, die beständig den moralischen Zeigefinger heben, auf allen Wellen reiten und ihre Erkenntnisse als bahnbrechend verkünden. Denn man stelle sich vor: Size-Zero-Models sind untergewichtig, Zuchttieren in Massenhaltung werden Medikamente verabreicht, Lebensmittel sind genmanipuliert, die Umwelt ist bedroht, Frauen verdienen zu wenig, die Menschheit verdummt, ist korrupt und ignorant. Es gilt sich mit Bioprodukten gesund zu ernähren, den Intellekt zu pflegen, Mainstream-Filme abzulehnen, Kombucha zu trinken, Yoga zu machen, Kultur in sich aufzusaugen, Niveauloses zu verabscheuen, politisch inkorrektes zu verteufeln, Firmen & Produkte zu boykottieren, zu demonstrieren, vegan zu leben …

Es ist nicht so, dass ich selbst nicht auch versuche, das eine oder andere davon umzusetzen, bzw. dass mich nicht viele Dinge ebenfalls bewegen, abstoßen, aufregen. Doch dieses laute Aufschrecken, ob der Erkenntnis finde ich teilweise schon grenzwertig lächerlich. Vieles ist ein alter Hut – was erschreckend genug ist – und dies sollte einen nicht davon abhalten, sich weiter dafür/dagegen einzusetzen. Nur: Ich muss eben nicht gleich die Welt retten und alle missionieren. Der erste Schritt muss bei mir stattfinden, nicht bei der großen Botschaft. Ändere ich mich, ändern sich unter Umständen auch andere, auch im Kleinen. Ich mag einfach diese Absolutheit nicht und die leider häufig hinter den Aussagen in Großbuchstaben durchschimmernde Scheinheiligkeit. Ich kann nicht predigen, wenn es sich nicht mit meinen Lebensumständen verträgt. Geschwätzt ist schnell, gehandelt …. Da sollte man ehrlich bleiben – wohl kaum jemand ist nur gut! Jeder möge für sich die Dinge in Angriff nehmen und die Überzeugungen leben, die ihm möglich sind, ohne sich selbst aufzugeben, zu verbiegen und an anderer Stelle intolerant zu werden. Ich halte es mit Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

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